Portrait von Vanessa. Sie guckt nach rechts.

Photography

Vanessa Basilio de Luca

Vanessa Basilio de Luca

Photography

Produktionsjahr: 2019
Christoph Lahusen
Vanessa legt den Kopf die Hände_BW
Vanessa legt den Kopf die Hände. Ihre Augen sind fast geschlossen. Sie guckt nach unten. Das Foto ist schwarz-weiß.

Es ist schon spät, als alle um den Platz des zu Hängenden stehen. Ehrfürchtig blicken die vielen Gesichter von vielen Seiten auf die Gesichter in der Mitte. Allmählich keimt ein Gefühl von Ewigkeit auf, das den Raum flutet und die letzten Stunden in Zeitlosigkeit aufgehen lässt. Die Geschichte von wenigen, durch Sprache und Körper erzählt, wird zur Geschichte derjenigen, die das Spektakel angeblich nur mit den Augen sehen. Schließlich hält alles den Atem an. Die Spielerinnen und Spieler wissen, was nun folgt und können doch nicht glauben, was gerade passiert. Der reitende Bote kommt und rettet die Figur, die es verdient hätte vom Schicksal verschlungen zu werden: Mackie Messer geht als freier Mann.

Die Reise eines Spiels

Eine Geschichte zu erzählen mit dem Körper und Geist ist eine Königsdisziplin, in der selbst Altehrwürdige ihren Abgründen entgegenblicken. Den eigenen Körper als Instrument zu erkennen und zu lieben, wie er ist, erfordert Mut, Leiden und die Kontrolle eines Geistes im rechten Augenblick.

Vanessa und ich sitzen in ihrer Wohnung und ich überlege mir, welche Bilder wir aufnehmen können. Sicherlich habe ich mir vorher schon Gedanken gemacht, aber die Präsenz der zu fotografierenden Person kann alles in ein anderes Licht tauchen. Der Wunsch, Emotionen eines Menschen authentisch aufzunehmen, ist naiv und doch möchte ich es versuchen.

Wir alle gehen irgendwo hin.

Vanessa ist frisch gebackene Theaterpädagogin BuT®. Fast fünf Jahre harte Arbeit, Blut, Schweiß und Tränen spannen sich und müssen eine Energie freigeben, die weder durch Körper noch gesprochene Sprache wiederzugeben ist.

Einen Schritt nach dem anderen – Von von Kleist und Basilio de Luca

Heinrich von Kleist hat bereits 1805 über die Kunst des Sprechdenkens geschrieben. Das Überwinden einer ersten Barriere zur Erschaffung von etwas Neuem ist ein Handwerk, das Leidenschaft und Angst bindet. Wenn Vanessa erzählt wird mir deutlich, dass hinter jeder leicht wirkenden Geste, hinter jedem Wort und hinter jedem Bild, hinter jedem Abschluss einer Ausbildung, ein erster Anstoß steht.

In Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden beginnt ein Erzähler mit einem Satz ohne großen Inhalt. Diesem Satz folgen weitere, dann Abschnitte, die zu Paragraphen werden. Schließlich lässt sich in der Mitte des Textes nicht mehr der Anfang erahnen. Der Inhalt von Kleists Text steht nicht im Vordergrund. Viel mehr beschreibt Kleist in seiner Grammatik und Schreib-Performanz, dass die Angst vor dem Anfang in einem natürlichen Wachsen von Ideen mündet. Auch bei den Fotos erlebe ich, dass die bildlichen Kompositionen verwoben werden mit einer Sprache, die Vanessa und ich jetzt erlernen.

Was spielen wir uns eigentlich vor?

Theater ist das echte Leben. Wenn diese These auch nur annähernd einen Rahmen für das Spiel auf einer Bühne setzt, dann ließe sich auch fragen, in welchem Verhältnis die Darstellerinnen und Darsteller zu ihren Figuren stehen. Sind die Figuren Masken, die einmal aufgesetzt schnell wieder gewechselt werden können? Das Verhältnis von Vanessa und ihrer Maske deutet daraufhin, dass auch die Figuren teil des Schauspielers werden. Eine lebende und atmende Beziehung, die so voller Freude, Trauer und Liebe ist, dass sie Welten erschafft. Zugleich ist die Beziehung fragil. Die Zuschauerinnen können beobachten, wie alles fest geglaubte durch ein Gott aus der Maschine zerstört und aufgebaut werden kann. Eine bemerkenswerte Verbindung.

Präsenz und Performanz

Tänzerinnen und Tänzer beherrschen Schritte und Bewegungen. Eine Kamera kann versuchen, diese Bewegungen aufzuzeichnen. Mit langen Belichtungszeiten verschwimmen die einzelnen Abläufe zu einer großen Performance.

Verfremdungseffekte – Alles ist Bühne

Der kleine Hey ist ein Buch über das Sprechen. Vom Musikpädagogen und Gesangslehrer Julius Hey konzipiert gibt das Buch ein Instrumentarium von Techniken an die Hand, um das Sprechen eines Schauspielers zu schärfen. Die Übungen aus dem Buch betonen die Wichtigkeit des ganzen Körpers beim Sprechen. Wir sind ein Korpus und funktionieren als Resonanzkörper. Das Sprechen ist etwas Ganzheitliches.

Während Vanessa und ich eine Bildsprache entwickeln, merke ich, wie ähnlich die Herangehensweise an unsere Arbeit beschrieben werden kann. Während Vanessa im Spiel ihre Techniken durch den ganzen Körper laufen lässt, kommt es mir so vor, als würde die Welt auf ihre Bewegungen reagieren. Wenn ich fotografiere, spüre ich auch eine Bewegung von außen, die sich mit dem Bild irgendwann im Takt zu bewegen scheint. Ob ein für mich gutes Foto herauskommt oder nicht, ist zum Teil abhängig von einer Phase eines inneren und äußeren Gleichschritts.

Vanessa Basilio de Luca – Theaterpädagogin & Schauspielerin

Zu sagen, dass Vanessa eine außerordentliche Schauspielerin und Theaterpädagogin ist, wird ihrem Handwerk, ihrer Biografie und ihrer Person nicht gerecht. Es kann nur ein Anfang einer großartigen Geschichte sein. Wer mehr über Vanessa und ihre Arbeit erfahren möchte, sollte ihre Internetseite aufsuchen.

https://vanessabasiliodeluca.wordpress.com

Gallerie

Danke Vanessa für die Zeit, Muße und Bereitschaft mir etwas von dir zu erzählen. Die einzelnen Bilder des Shootings gibt es hier in der Übersicht.